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Covid-19 Diary

Montag 30. März

Beninische Covid-19 Kampagne. Von Maßnahmen betroffener Streetfood-Stand mit Besuchern in Cotonou / Benin / Westafrika
Streetfood & Straßenhandel: Fällt der informelle Sektor Corona zum Opfer?
Beninische Covid-19 Kampagne

Die Maßnahmen, die zum Kick-off der Kampagne an den Start gehen, gelten zunächst für zwei Wochen – mit Option auf Verlängerung. Schulfrei. Universitätsfrei.  Einen bzw. zwei Meter Abstand zu anderen Personen halten. Beim Auftreten grippeähnlicher Symptome soll eine Maske getragen werden. Und vor allen Dingen sollen sich die Beniner oft und gründlich die Hände mit Seife waschen. Die beninische Covid-19 Kampagne wird über das Fernsehen verbreitet. Ob und wie sich die beninische Covid-19 Kampagne im Einzelnen in die Praxis umsetzen lässt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Informeller Bereich betroffen

Wie geht es z. B. für die Straßenhändler weiter, die mit ihren mobilen Schubkarrenshops Handyhüllen, Adapter, Ladegeräte usw. unters Volk bringen? Was machen die Leute mit Ihren Streetfood-Läden und die fliegenden Händler, die am Straßenrand stehen oder bei Rotlicht zwischen den Autos herumlaufen? Werden sie bald ohne Einkommen sein? Die Situation im informellen Sektor ist für die Betroffenen völlig unklar – so zumindest ein mobiler Händler, den ich gestern nach seiner Einschätzung gefragt habe. Man könnte auch sagen: Der informelle Sektor droht Corona zum Opfer zu fallen. Die meisten Betroffenen werden deshalb wohl erst einmal so weitermachen wie vor den Maßnahmen.

Corona Status 30. März: 6 Infizierte

Corona-Alarm im Verbund mit Mayonnaise-, Hautpflege- und Tomatenmark-Werbung: Zu früher Stunde, zum Frühstücks- und Nachrichtenfernsehen. Und natürlich ist Corona auch in Benin das beherrschende Nachrichtenthema. Von Anfang an als beninischer Experte dabei: Dr. Roger Moyou Mogo. Meine Frau und ich verfolgen am Bildschirm mit, wie sich die Situation in Nigeria,  Côte d’Ivoire, Togo, Kamerun usw. entwickelt. Die Regierungen der Nachbarländer haben Corona ebenfalls den Krieg erklärt. Für Benin ist von nur sechs Infizierten die Rede. Man wolle versuchen, das Überspringen von Corona aus dem benachbarten Ausland und durch Flugreisende zu verhindern.

Blick nach Deutschland

Anders als im trotz Corona-Gefahren geruhsamen Benin überschlagen sich in Deutschland die Ereignisse. Beinahe minütlich gehen neue Corona-Schreckensmeldungen und -Expertenstatements über den Äther.

Die Zahlen des renommierten Robert Koch Instituts weisen zum 30. März 454 Todesfälle auf etwas mehr als siebenundfünfzig tausend bestätigte Infektionen aus. Es gibt zu diesem Zeitpunkt dreizehn tausend fünfhundert Geheilte. Siebenundachtzig Prozent der Verstorbenen sind siebzig Jahre oder älter.

Demografischer Unterschied

Der hohe Anteil von Senioren unter den Corona-Opfern lässt sich nur erklären, wenn man die demografische Situation in Deutschland berücksichtigt. In Benin ist die Bevölkerung überwiegend jung. In Deutschland überwiegen ältere Menschen. Von den über Sechzigjährigen sind viele an Diabetes, Herzkreislaufproblemen und anderen degenerativen Beschwerden erkrankt. Corona führt bei dieser Patientengruppe in Kombination mit den Vorerkrankungen dann zum Tode. Die deutschen Statistiken und Wahrscheinlichkeiten werden sich deshalb nicht Eins zu Eins auf Bénin übertragen lassen.

Mit oder wegen Corona gestorben?

Weil Vorerkrankungen für den Corona-Krankheitsverlauf eine entscheidende Rolle spielen, ist in Expertenkreisen eine Diskussion um die richtige Betrachtungsweise entbrannt. Sollte es heißen mit oder sollte es heißen wegen Corona verstorben? Und wie sollte eine aussagekräftige Statistik geführt werden?

Es gibt zwar auch schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle unter jüngeren und gesundheitlich nicht vorbelasteten Patienten. Diese Fälle sind aber relativ selten. Für Kindern sind sogar überwiegend unauffällige Infektionsverläufe ohne Symptomatik wahrscheinlich.

Verbote und Sanktionen

In Deutschland gelten inzwischen bundesweit Ausgangsbeschränkungen und andere tiefgreifende Einschränkungen des öffentlichen Lebens: Vom Schließen der Unis und Schulen bis zum Versammlungsverbot für mehr als zwei Personen. Bis auf weiteres sind Konzert-, Theater- und Kinosaal, Fitness-Studio, Kirche und Moschee verbotene Zonen. Kneipen und Restaurants haben dicht. Die Verbote werden mit teilweise drastischen Sanktionen durchgesetzt. Wo früher grüppchenweise Jugendliche an der Straßenecke abhingen oder sich Oldies gemeinsam beim Walken und Joggen ertüchtigten, herrscht heute gähnende Leere.

Bemerkenswerte Konsequenz

Die deutsche und europäische Konsequenz in der Corona-Angelegenheit ist bemerkenswert. Kein anderes Problem hat es bisher geschafft, Wirtschaft und öffentliches Leben in annähernd vergleichbarer Weise lahmzulegen. Es ist deshalb völlig normal, dass sich um Covid-19 Verschwörungstheorien und Narrative ranken.

Sumpf an Verdächtigungen

US-Präsident Trump verdächtigt China, Corona in einem Labor in Wuhan entwickelt und zur Erlangung der Weltherrschaft in Umlauf gebracht zu haben. Aber auch Bill Gates gehört in Kreisen von Verschwörungs-Theroretikern zu den einschlägig Verdächtigen: Er soll Corona erfunden haben, um uns alle von seinem Impfstoff abhängig zu machen und digital zu versklaven.

Unterm Strich bleibt aber selbst bei nüchterner Betrachtung ein unschöner Beigeschmack: Die europäische Politik ist mit Corona erstmalig zu einer Entschlossenheit befähigt, an der es ihr sonst fehlt. Anders als bei Covid-19 stehen bei Klima, Umweltzerstörung und weltweiter Aufrüstung nicht das Überleben der Alten, sondern der Jungen auf dem Spiel. Im Umkehrschluss ließe sich ableiten, dass die europäischen Demokratien strukturell und verfahrenstechnisch den Alten bei der Verfolgung ihrer Interessen zum Nachteil der Jungen in die Hände spielen.

Einordnung in mögliche Zukunfts-Szenarien

Was ich insgesamt von Corona halte und wie ich das Phänomen einordne, habe ich auch in einem kurzen Essay auf der Landingpage dargestellt. Covid-19 ist wahrscheinlich nicht der einzige Erreger dieser Art, mit dem wir es noch zu tun bekommen werden. Man wird sich deshalb nachhaltige Strategien überlegen müssen, statt jedesmal eine Hauruck-Aktion loszutreten.

Steigende Infektionszahlen

Trotz der Gegenmaßnahmen und drastischer Strafen steigen die Infektionszahlen in Deutschland aber weiter täglich an. Für einen Regelverstoß müssen z. B. in Rheinland-Pfalz un Nordrhein-Westfalen bis zu fünfundzwanzig tausend Euro berappt werden. An mangelnder Härte der Sanktionen kann es also nicht liegen, dass die Ausbreitung immer noch in rasantem Tempo stattfindet. Vieles spricht dafür, dass das Virus aufgrund von ca. fünfzig Prozent atypischer Verläufe – d. h. Infektionen ohne Symptomatik – als blinder Passagier von scheinbar gesunden Personen weiterverbreitet wird.

Jena ist Masken-Pionier

Jena hat deswegen als erste Deutsche Stadt für öffentliche Bereiche, wie z. B. Behörden oder Supermärkte Maskenpflicht eingeführt. Man wird sehen, wieviel Städte oder Bundesländer dem ostdeutschen Vorbild folgen werden. Wer keine Maske mehr bekommt, bastelt sie sich im Eigenbau. Das Internet wimmelt inzwischen vor Näh-Anleitungen!

Cotonou & Porto Novo Corona-Vorreiter

Wir telefonieren mit Parakou – für die Menschen dort ist Covid-19 weit weg. Vom Covid-19 Kampagnen Kick-off ist noch nicht viel bis dorthin vorgedrungen. Das Corona-Thema hat in den Zentren des Nordens weniger Präsenz als im Süden. Cotonou und Porto Novo haben die Covid-19 Vorreiter-Rolle übernommen.

Mail an die Deutsche Botschaft

Abends schreibe ich kurz an die Deutsche Botschaft. Die Botschaft hat ihren Sitz in Cotonou, in direkter Nachbarschaft zu den hiesigen Ausländerbehörden. Ich will wissen, ob die Botschaft so etwas wie einen Corona-Notfallplan oder z. B. ein Kontingent an Beatmungsgeräten bereithält – nur für den Fall, dass die überschaubar wenigen Deutschen in Benin gesundheitlich in Not geraten.